Medizin

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On Mon, 28 Jan 2008 10:03:29 -0800 (PST), Werner-Fuss-Zentrum
wrote:

>On 28 Jan., 16:26, Werner-Fuss-Zentrum wrote:
>
>> Der vollständige Bericht ist hier:http://www.junge"welt.de/2008/01-28/017.php
>> zu lesen.
>
>Link Korrektur: http://www.jungewelt.de/2008/01-28/017.php
>
>WFZ

Das anonyme WFZ istz damit in meinem Killfile.
Permanent anonyme Provokationen muß ich nicht lesen.

cu, Martin
--
Ubi bene ibi Colonia!
ROT13 for email: znegva.trexra@jro.qr




Martin Gerken schrieb:

> Das anonyme WFZ istz damit in meinem Killfile.

Lobenswert.

> Permanent anonyme Provokationen muß ich nicht lesen.

Ebendt.

Werners Fusszentrum besteht wohl hpts. aus einem René Talbot.
Das zu wissen macht die Antipsychiatrie-Propaganda aber auch nicht
besser.

Lars


Martin Gerken wrote:
> On Mon, 28 Jan 2008 10:03:29 -0800 (PST), Werner-Fuss-Zentrum
> wrote:
>
>
>>On 28 Jan., 16:26, Werner-Fuss-Zentrum wrote:
>>
>>
>>>Der vollständige Bericht ist hier:http://www.junge"welt.de/2008/01-28/017.php
>>>zu lesen.
>>
>>Link Korrektur: http://www.jungewelt.de/2008/01-28/017.php
>>
>>WFZ
>
>
> Das anonyme WFZ istz damit in meinem Killfile.
> Permanent anonyme Provokationen muß ich nicht lesen.
>
> cu, Martin

Antwortest Du hier auf einen Beitrag, der in dsmm gepostet wurde? Bei
mir taucht der Beitrag nämlich nicht auf (nein, ich hab das
Werner-Fuß-Zentrum nicht im Filter). Falls der Beitrag, auf den Du hier
antwortest, in dsmm gepostet wurde: Könnte mir mal kurz jemand die
message-ID des Ursprungsbeitrags hier posten? Ich möchte nur
nachrecherchieren, ob das Problem, daß der Artikel bei mir nicht
erscheint, an einem Eigencancel des WFZ oder (mal wieder) an meinem
Provider liegt (BTW: Wenn hier jemand neben dem
Forschungs-/Klinik-/Unizugang mal einen Homezugang fürs Internet
bestellt, dann holt Euch bloß kein Arcor-Internet, egal wie billig...nur
Ärger mit diesem absolut besch... Provider).

Damit es nicht ganz OT wird: Habe mir den von Dir zitierten Link mal
angesehen. Wo liegt das Problem? Es ist - wie Du ja wohl hoffentlich
auch damals in "Geschichte der Medizin" gelernt hast- ein historischer
Fakt, daß die Tötungsprogramme der Nazizeit ihren Ursprung in der
"Aktion T4" nahmen. Die Ursprungsidee des Rassismus zielte ja zunächst
auf die Ausrottung unwerten Lebens, daß die damaligen Herrschenden
zuerst in den geistig behinderten Patienten psychiatrischer Anstalten
sahen. Zunächst wurden die Psychiater angewiesen, Meldebögen über jeden
einzelnen Patienten anzufertigen und an die zuständige Zentrale in der
Tiergartenstraße 4, Berlin (daher "T4") weiterzuleiten. Über den Zweck
dieser Meldungen wurden die Anstalten offiziell nicht informiert. Dann
wurden von dortigen Gutachtern anhand der Meldebögen diejenigen
Patienten zur Tötung ausgewählt, die einem oder mehreren der Kriterien
entsprachen: Schizophrenie, Epilepsie, Encephalitis, Paralyse,
Veitstanz, Menschen mit seniler Demenz oder anderen neurologischen
Endzuständen, Kriminelle, Menschen, die schon länger als fünf Jahre in
der Anstalt waren und Menschen, die nicht "deutschen oder artverwandten
Blutes" waren. Diese Patienten bekamen ein rotes "+" auf ihren
Meldebogen und wurden in Tötungsanstalten in der Regel durch Vergasung
umgebracht. Die Angehörigen wurden durch erfundene Krankengeschichten
und Todesursachen sowie gefälschte Todesurkunden getäuscht. Da überdies
auch die Tötung der Kranken damals ausschließlich durch ärztliches
Personal erfolgen durfte, lastet hier eine schwere Vergangenheit auf der
deutschen Medizin. Wir sollten diese geschichtliche Episode nicht
totschweigen, sondern uns damit auseinandersetzen, damit so etwas nie
wieder passiert. Einen solchen Versuch der Auseinandersetzung mit einem
unrühmlichen Thema erkenne ich im von Dir angeführten Link des WFZ.
Warum Du ihn als Provokation ansiehst, ist mir nicht verständlich.

Wir zeigen heutzutage gerne mit dem Finger auf die damaligen "Bösen" und
glauben, daß so etwas heutzutage nicht mehr möglich sei. Das dies ein
Trugbild von uns selbst ist, zeigen immer wieder Berichte der Gegenwart
oder jüngeren Vergangenheit. "En vogue" sind ja momentan Folterungen von
Gefangenen zur Preisgabe von Informationen mittels besonders belastender
psychischer Methoden (wie zB dem "waterboarding"), die von Ärzten
supervidiert und von der amerikanischen Regierung geduldet werden. Wir
müssen aber gar nicht so weit über den Teich gucken, Folterungen waren
in jüngerer Vergangenheit in den psychiatrischen Anstalten der DDR bei
geistig völlig gesunden Regimegegnern an der Tagesordung. Auch daran
waren "Ärzte" beteiligt. Selbstverständlich waren die Regimegegner
offiziell für psychisch krank erklärt worden, aber für psychische
Krankheit gibt es ja keine objektiven Beweismittel wie Röntgenbilder
o.ä. also kann man sie einfach behaupten (ach ja:
http://de.wikipedia.org/wiki/Rosenhan-Experiment )

In manch einer der heutigen psychiatrischen "Kliniken" findet man auch
gelegentlich im Hier und Jetzt noch Vorgehensweisen, die an düsteres
Mittelalter erinnern und sich in keinster Weise mit dem Grundgesetz in
Einklang bringen lassen. Aber wo kein Kläger da kein Richter. Die
dortigen Patienten können sich üblicherweise selbst nicht wehren und für
zufällige Beobachter findet sich immer noch eine gute Ausrede der
unangemessenen Vorgehensweise (zumindest dann, wenn man so tut als wäre
man medizinischer Laie). Ich empfehle mal ein paar Famulaturen in
Akuteinrichtungen der Psychiatrie zu machen oder dort liegende, bekannte
Patienten oder Freunde zu besuchen. Das läßt einen dann doch am so viel
gerühmten deutschen Rechtssystem und der Zuordnung von Psychiatern zum
Berufsstand der Ärzte zweifeln. Insbesondere, wenn man dann aus den
Medien mitbekommt, daß es dann erst der Europäische Gerichtshof ist, der
solch ein Unrecht verurteilt, siehe: http://tinyurl.com/2vcpj2

Ich finde ja die meisten Beiträge des Werner-Fuß-Zentrums hier auch
nicht gerade sehr ansprechend geschrieben. Aber warum Du Dich gerade
dort und nicht an ganz anderer Stelle über anonyme Provokationen
beschwerst, kann ich nicht nachvollziehen. Hier in dsmm hüpfen genügend
anonyme XNOs (also mit x-no-archieve=yes im Mailheader) herum, die mit
falschen Namen und über anonyme Remailer irgendwelche Provokationen über
die "böse, machtgeile, korrupte Ärzteschaft" ablassen und sich dann
freuen, wenn Du Dich ärgerst, wobei dann aber letztendlich nur Deine
eigene verärgerte Antwort in Usenet-Aufzeichnungen archiviert wird, aber
aufgrund des XNO-Status nicht der beleidigende Beitrag des Provokateurs.
*Das* nenne ich anonyme Provokation.

Die Beiträge des WFZ hingegen haben zwischen den Zeilen jedoch oftmals
ganz interessante Hintergrundinfos zu bieten. Manchmal erfahre ich so
von umstrittenen Ausstellungen/Kongressen oder Urteilen, auf die ich
sonst nicht aufmerksam geworden wäre. Wenn man um die üblichen
weitschweifigen Feindbildschilderungen und Politisierungen des WFZ
herumliest, sind deren Beiträge bislang sogar richtig gehaltvoll. Da muß
man halt ein wenig Rosinenpicken, um die interessanten Infos zu
erkennen. Den von Dir als Provokation betrachteten Link zum Artikel fand
ich hingegen sehr interessant: In vielen westdeutschen Psychiatrien
stehen schon lange Gedenksteine/-platten etc. für die Opfer der Aktion
T4, in der DDR hat man aber offensichtlich versucht diese Verbrechen
totzuschweigen, sonst wäre die -laut Artikel- 1984 angeregte
Gedenkplatte ja genehmigt worden. Inhaltlich interessant ist im Artikel
auch, daß Stralsunder Forscher offenbar nach Augenzeugen der damaligen
Krankentransporte in die Tötungsanstalten suchen. Ein ähnliches
Forschungsprogramm der Medizingeschichte hat es in Heidelberg und
Umgebung auch schon gegeben. Wobei ich es aber viel wichtiger fände,
nicht immer nur die Psyche der Opfer, sondern vielmehr die Psyche der
*Täter* genauer zu untersuchen. DAS wäre medizingeschichtlich wesentlich
wichtiger für die Vorbeugung ähnlicher Menschenrechtsverletzungen in der
Zukunft. Schließlich waren die Vergasungskammern für psychiatrische
Patienten der technische und ideelle Vorläufer der späteren
Massenvernichtungslager für die Juden.

Für dsmm finde ich die (wohl vom WFZ angeregte?) inhaltliche
Auseinandersetzung mit den ärztlichen Übergriffen der Nazizeit auch
angemessen. Wenn man hier manchmal Beiträge von Leuten liest, die mal
wieder eine Art genetische Reinigung propagieren wollen oder von Leuten,
die psychiatrische Patienten abwerten und/oder als ökonomische Belastung
für die Gesunden abstempeln oder von Leuten, die alterssenile, demente
Menschen (auch Opfer der T4-Aktion) als störend betrachten und diese
wegen ihrer Macken dauerhaft im Pflegeheim weggesperrt und
zwangsbehandelt wissen möchten oder oder oder...da gibt es so viele
gesellschaftliche Strömungen, die hier in dsmm bei
Krankheitsdiskussionen immer wieder auftauchen und die es prinzipiell
wert sind, hinsichtlich ihrer Beziehung zur Medizingeschichte
wissenschaftlich aufgearbeitet zu werden.

Gruß

Mareike


On Sun, 17 Feb 2008 18:21:38 +0100, Mareike Ziegler
wrote:

>Martin Gerken wrote:
>> On Mon, 28 Jan 2008 10:03:29 -0800 (PST), Werner-Fuss-Zentrum
>> wrote:
>>
>>
>>>On 28 Jan., 16:26, Werner-Fuss-Zentrum wrote:
>>>
>>>
>>>>Der vollständige Bericht ist hier:http://www.junge"welt.de/2008/01-28/017.php
>>>>zu lesen.
>>>
>>>Link Korrektur: http://www.jungewelt.de/2008/01-28/017.php
>>>
>>>WFZ
>>
>>
>> Das anonyme WFZ istz damit in meinem Killfile.
>> Permanent anonyme Provokationen muß ich nicht lesen.
>>
>> cu, Martin
>
>Antwortest Du hier auf einen Beitrag, der in dsmm gepostet wurde? Bei
snip.....
>Wir zeigen heutzutage gerne mit dem Finger auf die damaligen "Bösen" und
>glauben, daß so etwas heutzutage nicht mehr möglich sei. Das dies ein
>Trugbild von uns selbst ist, zeigen immer wieder Berichte der Gegenwart
>oder jüngeren Vergangenheit. "En vogue" sind ja momentan Folterungen von
>Gefangenen zur Preisgabe von Informationen mittels besonders belastender
>psychischer Methoden (wie zB dem "waterboarding"), die von Ärzten
>supervidiert und von der amerikanischen Regierung geduldet werden.
snip....

Was ist, wenn Krieg ist,
und du mußt aus einem Gefangenen Informationen rausholen.

Wie macht man das?

Es geht ums eigene Überleben oder mehr, unter Umständen.
Würdest du lieber deine Kinder sterben sehen vor lauter Humanität?
Wo ist die Grenze?
w.


Helmut Wabnig schrieb:
>
> Was ist, wenn Krieg ist,
> und du mußt aus einem Gefangenen Informationen rausholen.
>
> Wie macht man das?
>
> Es geht ums eigene Überleben oder mehr, unter Umständen.
> Würdest du lieber deine Kinder sterben sehen vor lauter Humanität?
> Wo ist die Grenze?
> w.
>
Ich wusste gar nicht, dass Du früher beim Kreiswehrersatzamt gearbeitet
hast und den Verweigerern solch dumme Fragen gestellt hast.

Ich kann mich noch gut an diese feisten Typen erinnern...

--
"Die Wahrscheinlichkeit, eine 6 zu würfeln ist 1/6.
Bei 6 Versuchen macht das 6x1/6 = 6/6 = 1
Mit 1 bezeichnet man die Wahrscheinlichkeit für ein sicheres Ereignis.
Das musst du aber nicht verstehen, Bub.", Otto


Helmut Wabnig schrieb:
> Es geht ums eigene


Mareike Ziegler schrieb:

> Das läßt einen dann doch
> am so viel gerühmten deutschen Rechtssystem und der Zuordnung von
> Psychiatern zum Berufsstand der Ärzte zweifeln.

Nein, meine Liebe, solch pauschale Unterstellungen sind haltlos.
Das solltest du etwas konkretisieren.

Lars


Lars Braesicke wrote:
> Mareike Ziegler schrieb:
>
>> Das läßt einen dann doch
>> am so viel gerühmten deutschen Rechtssystem und der Zuordnung von
>> Psychiatern zum Berufsstand der Ärzte zweifeln.
>
>
> Nein, meine Liebe, solch pauschale Unterstellungen sind haltlos.
> Das solltest du etwas konkretisieren.

Wenn Du schon einen Satz von mir aus dem Zusammenhang reißt, dann
solltest Du bei genauerem Nachlesen feststellen, daß ich mich auf die
Zustände "in manch einer der heutigen psychiatrischen Kliniken" beziehe,
in der "man auch gelegentlich im Hier und Jetzt noch Vorgehensweisen,
die an düsteres Mittelalter erinnern" findet. Dies ist mitnichten
pauschalisierend. Bei meiner Aussage stütze ich mich nicht nur auf
Berichte psychiatrischer Patienten sondern auch auf eigene
Beobachtungen. Als Beispiele nenne ich mal: Zwangsbehandlung und
Wegsperren des Patienten länger als 72 Stunden ohne die dazu rechtlich
vorgeschriebene Anhörung durch einen Richter; Patienten, die wegen
Unanehmlichkeiten, die sie dem Pflegepersonal bereiten, einfach ans Bett
fixiert werden (Beispiel: ein harmloser, seniler Patient mit optischen
Trugwahrnehmungen verwechselte das Bett seines Mitpatienten mit dem Klo
und pinkelte ihm -während dieser schlief- aufs Bein, daraufhin wurde er
wegen "Fremdgefährdung" lange Zeit in 5-Punkt-Fixierung ans Bett
gefesselt - Katheter legen und gelegentlich den Pinkelbeutel wechseln,
war fürs Pflegepersonal einfacher als einen senilen Patienten zu
beaufsichtigen); ein verhinderter Suizident, der auf die Aufnahmestation
kommt und anstatt daß mit dem Patienten, der still und ruhig auf seinem
Bett liegt, der völlig adäquat antwortet, keine offensichtlichen
Wahnvorstellungen hat und durchaus einwilligungsfähig ist, ein helfendes
Gespräch über die Hintergründe seines Suizidsversuchs geführt wird,
werden nur Medikamente angeboten. Als der Patient dankend ablehnt, wird
er vom Psychiater unter Androhung von körperlicher Gewalt (!!!) dazu
gezwungen die Medikamente einzunehmen und angeschrieen. Die
Suizidgedanken hat dieses Vorgehen natürlich nicht gelindert sondern
massivst verstärkt...ich könnte viel erzählen...nie vergessen werde ich
den Anblick eines Patienten, der sich bei meinem Besuch sofort nach
Betreten der Station plötzlich an mich klammerte und mich schluchzend
anflehte ihm zu helfen, weil er die an ihm durchgeführte
Elektrokrampftherapie nicht mehr länger ertragen könne, denn nach
einigen Sitzungen habe sich sein seelischer Zustand dadurch nur
verschlimmert und nicht verbessert. Die Psychiater habe er deswegen
schon mehrfach gebeten diese Elektrokrampftherapie nicht mehr
durchzuführen, aber sie würden gegen seinen Willen weitermachen. Die
Mitpatienten bestätigten dies. Bei solchen Dingen könnte ich das große
Kotzen kriegen (ich bestreite nicht, daß eine EKT durchaus auch
medizinische Wirkung haben kann, aber nach internationalen Empfehlungen
soll diese niemals gegen den Willen eines Patienten durchgeführt werden).

Du brauchst Dir nun keine Argumente auszudenken, um das Handeln der
Psychiater vielleicht zu verteidigen. Das habe ich schon selbst zu
genüge versucht, um diese Erlebnisse in meinen Erinnerungen besser
ertragen zu können. Es gibt vielleicht menschlich-nachvollziehbare
Erklärungen, aber keine annehmbaren Entschuldigungen dafür! Auch habe
ich jetzt keine Lust jedes Detail meiner obigen Beispiele einzeln
durchzukauen. Bei bestimmten Beispielen darf ich dies auch gar nicht
näher erörtern, da ich dort an die Schweigepflicht gebunden bin. Daß die
Menschenwürde und rechtliche Regelungen in *einigen* psychiatrischen
Einrichtungen mit den Füßen getreten werden, das kann ich Dir aber
versichern. Ich wünschte, ich könnte es ändern.

Warum ich an der Zuordnung von Psychiatern zum ärztlichen Berufsstand
zweifle? Es ist ein Grundverständnis ärztlichen Handelns, daß jeder
Patient in seine medizinische Behandlung zuvor einwilligt.
Psychiatrische Zwangsbehandlungen laufen meiner Auffassung der
ärztlichen Ethik eklatant zuwider. Wohl muß die Gesellschaft vor einigen
wenigen fremdgefährdenden Geisteskranken geschützt werden, aber daraus
ergibt sich noch lange nicht die Pflicht zur *medizinischen*
ZwangsBEHANDLUNG, sondern allenfalls die Notwendigkeit einer
*gerichtlichen* ZwangsUNTERBRINGUNG. Die meisten psychiatrischen
Patienten sind überdies nicht fremdgefährdend, sondern höchstens
eigengefährdend. Die Tatsache, daß einige Psychiater glauben, über dem
Willen des Patienten zu stehen und unter dem Vorwand des
"Patientenwohls" diesen längere Zeit gegen seinen Willen
zwangsbehandeln, ist mit meinem Verständnis ärztlichen Handelns nicht
vereinbar. Wir erlauben einem Zeugen Jehovas eine lebensnotwendige
Bluttransfusion zu verweigern, aber zwingen einen psychiatrischen
Patienten dazu seine Medikamente zu schlucken? Ist der Zeuge Jehovas
denn bei lebensgefährlichem Blutverlust weniger eigengefährdend als der
psychiatrische Patient? Mitnichten. Ist denn die religiöse Überzeugung
eines Sektenjüngers, mit der er Blutprodukte ablehnt, rationaler und
realitätnäher als die innere Überzeugung eines psychiatrischen
Patienten, mit der dieser Medikamente ablehnt? Wenn jemand seine
Krankheit behalten möchte, dann soll er das von mir aus dürfen. Daß
viele psychiatrische Patienten nicht froh über ihre Zwangsbehandlung
sind, sondern lieber der Krankheit ohne Behandlung ihren Lauf lassen,
spiegelt sich unter anderem in etlichen Gerichtsverfahren wieder, in
denen einige psychiatrische Patienten noch die Kraft hatten gegen ihre
jahrelang fortgeführte Zwangsbehandlung zu klagen. Wenn eine
Zwangsbehandlung für den psychiatrischen Patienten so hilfreich wäre,
wie es von vielen Psychiatern propagiert wird, dann gäbe es keine
Zwangsbehandlungen mehr, denn dann würden die Patienten sehr schnell die
"hilfreichen" Medikamente freiwillig nehmen.

Einer der Grundsätze ärztlichen Handelns ist das primum non nocere,
bevor man einem Patienten durch die ärztliche Behandlung mehr schadet
als die Krankheit selbst, muß die Behandlung unterbleiben.
Zwangsbehandlungen sind definitiv ein psychisches Trauma, zerstören das
ärztliche Vertrauen und schaden dem Patienten. Auch in den Fällen wo es
nur kurzweilig ist, schadet die Zwangsbehandlung dem Patienten mitunter
sehr viel mehr als die Aufenthaltsursache selbst. Ob es nun der
psychotische Patient ist, der durch die Zwangsbehandlung sein Vertrauen
in die Ärzte verliert und daraufhin eine schlechtere Compliance zeigt
und zukünftig jegliche Ärztekonsultation bei Zustandsverschlechterung
meidet oder ob es ein depressiver Patient ist, der durch eine
Zwangsbehandlung noch zusätzlich traumatisiert wird und nun noch ein
psychisches Problem mehr zu lösen hat als am Anfang oder ob es gar der
ohnehin schon traumatisierte Patient nach einem Suizidversuch ist, den
man durch eine Zwangsbehandlung nur noch weiter in die Sinnkrise treibt.
Eine zu respektierende medizinische Entscheidung ist es auch, eine
Krankheit *nicht* behandeln zu lassen und lieber an den Folgen der
Krankheit zu sterben als mit den Medikamenten und deren Nebenwirkungen
vielleicht länger zu leben. Ob nun die Krankheit oder die Medikamente
mehr schaden, muß der Patient selbst entscheiden können.

Abgesehen davon gehören Psychiater ohnehin nicht seit jeher zum
ärztlichen Berufsstand. Früher waren die Einrichtungen zur Aufbewahrung
psychisch Kranker Gefängnisse und die Leiter waren so etwas wie
Gefängnisdirektoren und unterstanden nicht einer medizinischen Klinik.
Später wurde dann die Erkenntnis, daß es sich bei einigen
Gefängnisinsassen um Kranke und nicht um Kriminelle handelte als
"Befreiung" der psychisch Kranken gefeiert. Fortan wurden sie in
psychiatrischen Spitälern untergebracht in denen man sie unbedingt
"heilen" wollte. Auch dort hatten sie jedoch nicht den Status eines
echten Kranken, denn es gab dort jede Menge mitunter sehr greulicher
Menschenexperimente, die angeblich dazu dienten die psychischen
Erkrankungen der Patienten zu heilen: Drehstuhl, Hamsterrad,
Eiswassertauchen, Schwermetallinjektionen, Stromstöße... die eigene
Hilflosigkeit der Psychiater gegenüber einer psychiatrischen Erkrankung
wurde damals mit folterähnlichem Aktionismus angegangen, der eigentlich
nur den Psychiatern half, denn so konnten sie sich einbilden etwas "für"
ihre Patienten zu tun oder sie agierten ihre Frustrationen über die
eigene Hilflosigkeit in der Wahl der Behandlungsmethoden aus. Heutzutage
gibt es kein Eiswassertauchen für die psychiatrischen Patienten mehr,
heutzutage haben wir Psychopharmaka. Für einige, die es freiwillig
nehmen, ein Segen, für andere ein Fluch. Verabreichung mitunter
zwangsweise. Auch bei therapieresistenten Fällen. Letztere sind
besonders interessant, denn viele Psychiater möchten sich dort mit der
unwirksamen Medikation offenbar immer noch einbilden, daß man etwas
"für" den Patienten tut. Selbst heute noch hat manch ein psychiatrischer
Patient weniger Rechte als ein Schwerkrimineller. Ein Gefangener hat
üblicherweise Anspruch auf kurzen, täglichen Ausgang an der frischen
Luft, ein psychiatrischer Patient hat noch nicht einmal dieses Recht.

Nicht alle Psychiater sind schlecht, insbesondere zolle ich denen
Respekt und Anerkennung, die vorwiegend psychotherapeutisch arbeiten,
jegliche Zwangsbehandlung ablehnen und nur mit Einverständnis ihrer
Patienten (bei Medikamenten zusätzlich nach vorheriger, gründlicher
Aufklärung) behandeln. Auch solche Personen und psychiatrischen
Einrichtungen gibt es. Diese haben ihren Arzttitel verdient. Aber
Psychiater, welche einfach nur Behandlungen anordnen ohne ihre Patienten
umfassend und verständlich aufzuklären und "medizinische"
Zwangsbehandlungen (ein Widerspruch in sich) gegen den ausgesprochenen
Willen ihrer Patienten durchführen, sind für mich keine Ärzte mehr.
Solange sich die Psychatrie nicht grundsätzlich von Zwangsbehandlungen
verabschiedet und Zwangsmaßnahmen nicht ausschließlich der staatlichen
Exekutive überläßt, werde ich in einer solchen Einrichtung tätige
Personen auch in Zukunft niemals als Ärzte sehen und akzeptieren können.

Gruß,

Mareike